Freitag, 14. März 2014

Was machen Sie beruflich noch gleich..?

Gern und oft werde ich in unterschiedlichen Kontexten danach gefragt, was ich eigentlich beruflich so mache. Ich wage sogar zu behaupten, dass selbst ein Großteil meiner Familie und meiner Freund*innen das auch gern wüsste. Ich hingegen antworte dann meistens: Bildungsreferentin mit dem Schwerpunkt Inklusion - für Bildungsgerechtigkeit & Chancengleichheit.
Nach wenigen Augenblicken und einigen Ausführungen meinerseits kann ich dann anschließend in den Gesichtern meiner Gegenüber Verwunderung, Irritation und einiges Stirnrunzeln beobachten. Das hat zur Folge, dass weitere Ausführungen und Erklärungen nötig werden um zu beschreiben, in welch weitem und gleichzeitig eng verstandenen Berufsfeld ich tätig bin. Oft hole ich dabei viel zu sehr aus und versuche differenziert zu beschreiben, um nicht anschließend in etwaige Schubladen gesteckt zu werden. Hin und wieder lächle ich aber auch nur verschmitzt und verweise auf meinen Blog, um der (sich in mir aufbauenden) Erklärungsnot zu entgehen.
Dann plötzlich jedoch holt mich mein Privatleben ein und eröffnet mir neue Wege der Formulierung. So konnte ich letztens meine 7-jährige Tochter belauschen im Gespräch mit einer Schulfreundin: "Meine Mami hilft Erzieherinnen, Lehrerinnen und anderen Erwachsenen beim Lernen, wieso es gut ist, dass wir alle was anderes gut können und so unterschiedlich sind. Manche Erwachsene verstehen das gut, und andere sitzen viele Tage bei Mami. Und oft fährt Mami dann nochmal dorthin und muss vor vielen Leuten reden."

Was also umfasst meine Referentinnentätigkeit? Ist es wirklich "nur" das Begleiten von Pädagog*innen und Lehrer*innen in der eigenen Auseinandersetzung mit Gleichheit und Differenz in ihrer Alltagspraxis? - Ich sehe mich in der Tat eher als jemanden, der anstupst, erläutert, moderiert, deeskaliert, vermittelt, referiert, eingreift, beobachtet, kommentiert und reflektiert. Sollte ich dafür eine Berufsbezeichnung finden, wäre sie wohl "Impulsgebende (pädagogische) Vermittlerin im Spannungsfeld von Theorie und Praxis". Oder vielleicht besser: "Praxisbegleiterin in der inklusiven Prozessentwicklung von Teams in Bildungsinstutionen". Oder eben einfach doch nur "Bildungsreferentin".
Nun ist meine Arbeit und mein Tun immer ein Garant für verbal ausgetragene Kontroversen, (mal mehr oder weniger emotionalen) Diskussionen und ausreichendem Austausch. Auch das will erwähnt werden, wenn ich mein Arbeiten beschreibe. Gemäß dem Motto: Schweigen ist silber, Reden ist Gold! Achja, und ich bin unterwegs: mit der Bahn, dem Auto, dem Flieger und dem Rad. Durch das Arbeiten an unterschiedlichsten Orten und dem Weitergeben von inklusiver Praxis versuche ich auch zu vernetzen und bundesweiten Austausch zu ermöglichen - wie eine Art Schalt- oder Schnittstelle...
Und erneut gerate ich ins Strudeln - mein tägliches Arbeiten ist so vielschichtig und unterschiedlich, dass es mehr als einen Absatz, mehr als einen Satz oder eine Beschreibung braucht, um diesen Aufgaben gerecht zu werden.

In der Auseinandersetzung um die Bezeichnung meiner Arbeit wurde mir schnell noch etwas anderes deutlich: statt Zuspruch und motivierende Kommentare erwarteten mich bisher eher Unverständnis und die Frage: "Macht Ihnen das WIRKLICH Spaß? Im Ernst? Sie reden gern über Ungerechtigkeiten?" - Nun, natürlich spreche ich nicht mit Freude darüber, wieso so viele, zu viele Menschen unserer Gesellschaft von Bildungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit betroffen sind. Und doch ist es so. Ich sehe es vor meiner eigenen Haustür und in den Klassen meiner eigenen Kinder, dass es viele ihrer Klassenkamerad*innen ungleich schwerer haben, als einige wenige andere. Ich höre es von Kolleg*innen aus der Praxis und ich beobachte es bei Evaluationen. So lange also Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen nach feinsten distinktiven Merkmalen weiterhin in unseren Schulen, Kitas und öffentlichen Einrichtungen stattfinden, werde ich versuchen mit Engagement und Inspiriration weiterzuarbeiten, Teams in ihren Prozessen zu begleiten und mich hin und wieder damit abfinden müssen, dass mein Beruf nun mal einfach nicht leicht von der Zunge geht. Zumindest bleibe ich so (fast) immer im Dialog mit meinen Mitmenschen.

mehr dazu unter:
Expertise: Diskriminierung im vorschulischen und schulischen Bereich der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2014

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen