Freitag, 6. März 2015

Das Problem mit der exklusiven Milchschnitte

Gute und gesunde Ernährung ist für das Aufwachsen der Kinder innerhalb unserer Gesellschaft wichtig: für gesunde Zähne, für eine optimale Versorgung des kindlichen Körpers mit allen nötigen Vitaminen, Kohlenhydraten, Fettsäuren aller Art und wohl noch vielen anderen wichtigen Dingen. So heißt es.

Auf Nachfrage, was darunter genau zu verstehen sei, bekomme ich vielfältige Antworten. Aber eines fällt fast immer: das beste Beispiel und was auf gar keinen Fall vergessen werden darf, wenn es um gesunde Ernährung geht, ist... DER APFEL. Unumstößlich scheint er für alle Ewigkeiten einen guten Ruf zu haben, den ihm auch niemand madig machen kann. Von säuerlich bis knackig-saftig-süß ist er der Inbegriff für gesunde Kost. Es gibt ihn in rot, in grün, in rot-grün, in gelb und orange-rot. Er taucht in Märchen und Geschichten auf, z.B. als Geheimversteck bei Prinzessin Ardita (Hüsler 2001, unter: Prinzessin Ardita) und ziert sogar manches Smartgerät und manchen Laptop. Der Apfel als gesunde Vitaminbombe ist und bleibt en vogue. Aber will und mag kind ihn deswegen täglich essen?

Meine Frage und mein Ursprungsgedanke basiert auf dem Hinweis, den eine mir bis dahin unbekannte Mutter einst beim mütterlichen Austausch auf dem Spielplatz gab. Wir unterhielten uns über die Ernährungsvorgaben in Kitas und Schulen und ich holte währenddessen die Brotdose meines Sohnes aus seinem Rucksack um seine Apfelstückchen zu essen. Was als reine Bedürfnisbefriedigung begann, nämlich meinen hungrigen Bauch zu beruhigen, entpuppte sich schnell als Grundsatzdiskussion:

Ist der tägliche Apfel besser als die süße klebrige Milchschnitte?

Leid geprüft von zahlreichen Auseinandersetzungen in der Kita ihrer Kinder berichtete mir diese Mutter, wie sehr sie die Tradition mit ihren Kindern pflege, einmal im Monat in den Supermarkt zu gehen und sich zu kaufen, was das kulinarische (Kinder-)Herz begehrt. Einmal im Monat deswegen, weil das Budget der Familie, welches sich zu einem großen Teil aus Transferleistungen zusammen setzte, nur diesen einen Einkauf der besonderen Art zuließ. "Mein Sohn sucht sich immer zielgerichtet die Milchschnitten aus dem Regal", erklärte sie mir. Und er wünsche sich für den folgenden Tag eine davon in seiner Brotdose. "Wenn ich schon viele andere Sachen nicht mit ihm machen kann, dann wenigstens die Milchschnitte." Gleichzeitig beschrieb sie mir, wie sehr sie die Kommentierungen der Erzieherinnen der Kita zur Milchschnitte Monat für Monat nerven würden. Natürlich wisse sie, dass Milchschnitten zu viel Zucker enthalten und bei übermäßigem Verzehr ungesund seien. "Aber mein Sohn kann und will nicht jeden Tag Äpfel essen." Vollkommen unverständlich erscheine ihr das Ziel, welches die Pädagoginnen mit ihren gut gemeinten Hinweisen verfolgten. Ihrer Erzählung folgend konnte ich mit ihr mitfühlen und verstehen, dass sie sich statt subtilen Vorwürfen eher Unterstützung und Verständnis für ihre Lebenssituation gewünscht hatte.

Nun geht es nicht darum, Pädagoginnen oder Erzieherinnen in eine Schublade zu stecken oder abzuwerten. Ganz im Gegenteil - ich verstehe und interpretiere ihr Handeln als größtmöglichen Einsatz zum Wohle des Kindes. Und dennoch verstecken sich in diesem Beispiel Zuschreibungen und Abwertungen - nämlich Zuschreibungen und Abwertungen, die wir Menschen gegenüber haben, die sich in Armutslagen befinden. Etliche Studien (z.B. Die Gießener Ernährungsstudie.pdf, 2002) belegen die Auswirkungen des Ernährungsverhaltens in Armutshaushalten, insbesondere auf die Kinder. Oft finden sich in armen Familien zu viel fette, zu viel süße und überhaupt viel zu viele Speisen - so die Untersuchungen. Bevor jedoch die betroffenen Familien stigmatisiert und abgewertet werden, sollte meines Erachtens zuoberst auf die strukturellen Ursachen geschaut werden. "Ernährungsexperten der Universität Hohenheim haben im Dezember 2012 davor gewarnt, dass sich mit steigender Armut versteckter Hunger in Deutschland etabliert." (Zitat: 3sat) Gesellschaftlich wird zu wenig darauf geschaut, welche (strukturellen und institutionellen) Bedingungen dafür sorgen, dass ein Teil der hier lebenden Menschen auf ungesundes Essen zurückgreift. Dabei bedienen wir uns all zu oft gängigen Zuschreibungen und Stereotypen, die wir von armen Menschen haben. Gleichzeitig werden wir ihnen aber nicht gerecht dabei, da wir meist vollkommen Kontext gelöst urteilen, statt in einen offenen Dialog zu treten, nachzufragen und eben solche interessanten und aufschlussreichen Gespräche zu führen, wie ich eines auf dem Spielplatz hatte. Manchmal ist es eben die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, die sie veranlasst, monatlich eine Milchschnitte statt einem Apfel mitzugeben, und nicht Unkenntnis über gesunde und abwechslungsreiche Ernährung.

Einen letzten augenzwinkernden Tipp hatte die Spielplatz-Mutter dann noch für mich:
Bei übermässigem Verzehr sind sogar die besten Äpfel ungesund!


mehr dazu unter:
  • Zander, M. (2015): Laut gegen Armut, leise für Resilienz - Was gegen Kinderarmut hilft. (siehe: amazon | ecobookstore)

Kinderbuch:

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