Donnerstag, 30. April 2015

Danke, Herr Coolness-Trainer!

oder

Warum Kinder bei Ungerechtigkeiten, Hänseleien und Mobbing unsere sofortige Unterstützung und Intervention brauchen!


In einer meiner letzten Fortbildungen waren einige Teilnehmer*innen sichtlich verwirrt ob der Aussagen und Statements des letzten Trainers, bei dem sie eine Fortbildung zu Gendersensiblem Arbeiten hatten. Dort wurde ihnen geraten, Kinder [natürlich(!) vor allem Jungs, denn die geraten doch - wie wir alle wissen - viel öfter in Konfliktsituationen, als die Mädchen, so besagter Trainer] ..also die Kinder in Konfliktsituationen mehr in die eigene Verantwortung zu nehmen und  wenn sie sich an uns wenden genau 3x (!) zurück zum "Konfliktherd" zu schicken mit der Aufforderung, dies über ein Stopsagen und genaues Benennen der Ungerechtigkeit allein zu klären. Nun brauch ich, denk ich, nicht noch einmal explizit ausführen, dass Jungs natürlich NICHT häufiger in Konfliktsituationen geraten, als Mädchen und Gendersensibilität genau darin besteht, eben solche Zuschreibungen und Vorurteile Jungs und Mädchen gegenüber nicht weiter mit unwahrem genetischen "Fachwissen" zu zementieren. Was mich wesentlich mehr irritiert, ist die vorgeschlagene Handlungsstrategie für Erzieher*innen.


Kommt ein Kind mit dem Hinweis auf einen Konflikt und einem eindeutigen Hilfegesuch, dann:
  • Schicken Sie das Kind zurück mit der Anmerkung, dass es selbst Verantwortung für die Lösung und das Ende des Konflikts tragen müsse. Das betroffene Kind sollte mindestens 3x allein versuchen zu intervenieren. 

In den letzten Jahren habe ich in Kitas und Schulen mittels meiner Inklusionsbrille zahlreiche Beispiele beobachten können, in denen Kinder miteinander in Konflikt gerieten und dabei sich insbesondere diejenigen in schmerzhaften Ausgrenzungsprozessen befanden, die ohnehin durch mindestens eines ihrer Identitätsmerkmale (Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht, ethn. Herkunft, Beeinträchtigung...) zu sogenannten Minderheiten innerhalb unserer Gesellschaft gehören. Beobachten konnte ich das beispielsweise bei armen Kindern, bei bilingual aufwachsenden Kindern, bei Kindern aus Familien, die sich nicht der hetero-normativen Mehrheit zugehörig fühlen und vielen anderen mehr. Immer wieder sah ich Kinder, die sich in ihrer Not - betroffen zu sein von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung - an die Pädagog*innen wandten und direkt um Hilfe und Unterstützung baten, eben weil sie keine Strategien mehr besaßen, sich zu wehren oder nicht ausreichend Macht in der Gruppe hatten, dem Unrecht Einhalt zu gebieten.
Wie muss es sich dann für genau diese Kinder anfühlen, von der Erzieher*in wiederholt weggeschickt zu werden, wenn sie sich doch in einer Notlage befinden?

Inklusives Handeln bezieht diese Dimension kindlicher Handlungsstrategien mit ein und weiß um die Notwendigkeit, genau zu erkunden, weshalb dieses Hilfesuchende Kind sich an die Erwachsende wendet. Nicht alle Kinder haben eine ausgefeilte Rhetorik um in Konfliktsituationen zu bestehen oder sind mutig und stark genug, sich gegen die dominanteren Kinder zur Wehr setzen zu können. Vielleicht gehören sie ohnehin zu Kindern, die es schwer haben in der Gruppendynamik Fuß zu fassen und jede*r von uns kennt wohl Situationen aus unserer eigenen Kita- oder Schulbiografie, in denen uns das letzte bisschen Mut fehlte um den Peinigern die Stirn zu bieten. Es kann natürlich auch sein, dass sich Kinder an die Pädagog*innen wenden, die einfach ein hohes Maß an Struktur- und Harmoniebedürfnis haben und für die einige Konflikte schwer auszuhalten sind.
All das müssen wir in einer inklusiven Handlungspraxis berücksichtigen und entsprechend reagieren und das bedeutet die Kinder sich nicht allein zu überlassen in Situationen, in denen sie oftmals ohnehin (gruppendynamisch) überfordert sind. Es gilt einzugreifen und Position zu beziehen für diejenigen unserer Gesellschaft, die es nicht schaffen ihre Stimme laut zu erheben oder deren Stimme einfach nicht gehört wird. Und das, sehr geehrter Herr Coolness-Trainer, nicht erst beim 4. Mal, sondern sofort!

Vielen Dank!

1 Kommentar:

  1. Unglaublich, dass solche Menschen mit Kindern arbeiten. Wie wichtig ist "ein andere Blick"! und, dass es nicht nur Menschen wie diesen Coolness Trainer, sondern dich gibt.

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