Mittwoch, 24. Juni 2015

Kinderbuch-Tipp: DIE BUNTE BANDE


DIE BUNTE BANDE - Gemeinsam sind wir stark!


Ich stehe nichts ahnend in Hamburg-Altona im Buchladen, suche einen Stift. Natürlich schaue ich mir, wie nebenbei die Bücher an und wie immer treibt es mich zur Kinderbuch-Ecke. Nach gefühlten tausend Exemplaren von "Conni geht zum Ballett" und "Max lernt reiten" will ich aufgeben. Wieso, frage ich mich, findet sich Diversität und Vielfalt bzw. die tatsächliche Lebenswelt von Kinder so wenig in Kinderbüchern wieder?
Ich drehe mich um, will gehen und entdecke zwischen all den Conni-Büchern doch noch ein Schätzchen, welches mich zu einem spontanen Aufschrei purer Glücksseeligkeit verführt. Die Buchgeschäft-Mitarbeiter*innen schauen irritiert: merkwürdige Frau mit Koffer kichert hysterisch in der Kinderbuch-Ecke.

Was ich in den Händen halte ist ein Kinderbuch für Lese-Anfänger*innen mit dem Titel: die Bunte Bande (Gutberlet/Fuchs, 2015, Carlsen Verlag), unterstützt durch die Aktion Mensch.
Ich streiche behutsam über den Einband - ich kann den Buchtitel nicht nur lesen, ich kann ihn durch die Braille-Schrift auch fühlen. Wie wunderbar, finde ich und will mehr. Also schlage ich das Buch auf und werde zuerst daraufhin gewiesen, wieso es dieses Buch gibt und weshalb es wichtig ist, dass Kinderbücher inklusiv gestaltet sind und dass gleichzeitig auch das Thema Inklusion als solches in ihnen zum Inhalt gemacht wird. Ich merke, wie meine Haut kribbelt, und dennoch muss ich mit dem Lesen warten, bis ich im ICE zurück nach Berlin sitze. Schließlich will ich dieses Leseabenteuer gut dosiert erleben.

Schnell schnell den Platz im ICE finden, noch schneller alles Wichtige auspacken, in den Sitz kuscheln und weiterlesen.
Das Buch ist aufgeteilt in mehrere Geschichten, in denen eingangs die Protagonist*innen direkt vorgestellt werden. Ich merke, wie ich bereits davon ausgehe, dass die Kinder auch hier wieder (wie immer?) zwar vielfältig beschrieben werden, aber eben auch stereotyp. So meine Erwartungshaltung. Aber erneut bin ich überrascht und glücklich - die Kinder werden in ihren Identitäten sehr differenziert und vielfältig dargestellt, ohne ein einzelnes Merkmal besonders hervorzuheben. Besonders Tom wächst mir beim Lesen ans Herz:

Fünf Freund*innen stellen sich vor

"Tom lebt in seiner eigenen Welt und braucht für viele Dinge etwas mehr Zeit. Wenn ihm alles zu viel wird, zieht er sich auch schon mal zurück. Doch wer glaubt, Tom kriegt nichts mit, ist auf dem Holzweg [...]"


Nachdem mir nun die fünf Freund*innen vorgestellt wurden, kann ich teilhaben an deren spannenden Geschichten und Abenteuern. Die Erfahrungen, die die Kinder jeweils machen, sind interessant und unterhaltsam und sind zudem realistisch und sehr nah an kindlichen Lebenswelten heutzutage. Ohne allzu großen moralischen Zeigefinger erfahren die Leser*innen etwas darüber, wie es ist, wenn Fahrstühle an U-Bahnhöfen nur schwer funktionieren und wenn andere Kinder Tom aufgrund seiner besonderen Liebe zu Pflanzen und seiner grundsätzlichen Sorgfalt hänseln und aufziehen. Sie erleben mit der Bunten Bande Ungerechtigkeiten und Unfairness und gleichzeitig auch Momente der Solidarität und freundschaftlichen Loyalität. Während ich im Zug sitze, huscht immer wieder ein Schmunzeln über mein Gesicht - so groß ist das Identifikationspotential der Protagonist*innen selbst noch bei mir. Ich will wissen, ob Tessa es rechtzeitig zu ihrem Basketballspiel schafft und ob die Neue (Sarah) wirklich die Eingebildete aus der Berlin ist.
Zum Ende finden sich dann für die Kinder (und Erwachsene wie mich) sogar noch Erläuterungen zu den im Buch behandelten Themen: Was ist Inklusion? Was heißt Barrierefreiheit? Und was sind die Punkte (Braille-Schrift) auf dem Buchdeckel?

Ich betone es nun nochmal, weil es mir zum Abschluss das einzig Mögliche scheint: Die Bunte Bande - welch ein Fundstück, welch Kinderbuchschatz. Gefunden in Hamburg Altona. Ich kann es immer noch kaum fassen. Zwischen Conni und Max versteckt. Es lohnt sich also immer wieder auf den unscheinbarsten Bahnhöfen nach neuerschienenen Kinderbüchern zu suchen. Es ist erstaunlich, was mensch dort so finden kann.

Achja, was zum Abschluss noch gesagt werden muss:
Das (Vor-)Lesen dieser kleinen Geschichten lohnt sich bereits für Kinder ab 6 Jahren - findet auch meine Kinder-Referenz-Gruppe.


zu bekommen bei:
Buchhandlung Almut Schmidt online


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