Mittwoch, 10. Juni 2015

"Klär mich auf" - gutes Kinderbuch mit schwierigem Wort

  oder

Wie sehr ein (!) Wort verletzen kann!


Hier, auf meiner eigenen Empfehlungsliste von Kinderbüchern und Materialien, ist ein Kinderbuch zu finden, welches von Kindern formulierte 101 Fragen zum Thema "Liebe und Sexualität" durch die Sexualpädagogin Katharina von der Gathen beantworten lässt. "Klär mich auf" ist der Titel und in der Tat lässt das Buch kaum einen Aspekt aus, wenn es darum geht zu verstehen, was Liebe und Sex ausmacht. Beim Durchlesen des Buches beobachtete ich bisher immer wieder schmunzelnde Erwachsene und auch etwas lautere Lacher, insbesondere durch die Illustrationen von Anke Kuhl. 

Nun wollte ich eigentlich eine durchweg positive Rezension des Buches schreiben. Ich wollte nicht nur auf die wunderbaren kindgerechten Erklärungen hinweisen, sondern auch auf die gelungenen und humoristischen Zeichnungen Anke Kuhls. Selten habe ich bisher ein so vielfältiges und informatives Kinderbuch gelesen, welches sich ohne moralischen Zeigefinger den Themen der Kinder ernsthaft zuwendet. 

Wäre, ja wäre da nicht ein sehr kluges neunjähriges Mädchen, welches mich auf ein einziges Wort in diesem Buch hinwies: "gesund".
Die 85.Frage - Wie kann ein Kind im Bauch behindert werden? - wird folgendermaßen beantwortet:


"Ganz wenige Babys kommen mit einer Behinderung auf die Welt. Es gibt viele unterschiedliche Arten von Behinderungen:
  • Kinder, die nicht sehen oder hören können
  • Kinder, die ihre Bewegungen nicht steuern können
  • Kinder, die sich nie so entwickeln werden, wie es die anderen GESUNDEN Babys tun [...]"

Etwas sprachlos saß ich vor dieser einen Seite und war sichtlich verblüfft ob der Sachlichkeit und Schlagfertigkeit dieses Mädchens, die da, bezogen auf ihre eigene Beeinträchtigung, antwortete: "Also, ich bin jedenfalls nicht krank." - Stimmt, sagte ich. Krank sind stattdessen Strukturen und Systeme, die jedwede Form von Beeinträchtigung und Behinderung als Krankheit oder Defizit bewerten und einem Anspruch auf Normativität folgen, bei dem mir schlecht wird. Und bei Aussagen wie dieser, dass behinderte Babys keine gesunden Babys wären, bin ich in Zeiten, in denen ich mein Geld mit der Auseinandersetzung mit Inklusion verdiene, sichtlich irritiert. Stattdessen kocht ein Unverständnis und auch Empörung in mir hoch, wie selbst in solche Kinderbücher, die an vielen anderen Stellen sehr wertschätzend und respektvoll über die Vielfalt von Menschen aufklären, dennoch eben diese Formulierungen hinein geraten können. Bleibe ich bei "Klär mich auf" so frage ich mich: Was mag wohl das Ziel dieses Abschnittes gewesen sein? - Mit Sicherheit doch nicht, dass Kinder lernen zu unterscheiden und zu bewerten in die Gruppe der gesunden Menschen und die Gruppe der kranken, sprich behinderten Menschen.

Weshalb ich mich jedoch entschied, diesen beinah Leser*innenbrief zu schreiben, ist ein anderer:

Erneut fiel mir beim Lesen dieses Satzes auf, wie wirkmächtig ein einziges Wort sein kann und welche Auswirkungen dieses Wort auf die Identität eines Menschen haben kann, ja sogar seine Identität in Frage stellen kann. Was ist, wenn ich als behindertes Kind dieses Buch zur Hand nehme? Wie muss sich das anfühlen, wenn ich lese, dass ich eigentlich doch gar nicht gesund bin sondern krank?
Bücher haben immer noch eine immense wissensbildende Funktion und stellen eine Art Bildungsautorität dar, insbesondere für Kinder. Sie vermitteln Kindern ein Bild von Welt. Dabei spiegeln sie natürlich immer auch gesellschaftliche Werte und Normen. In diesem Fall geht es um die Bewertung, die sich hinter einem einzigen Wort verbirgt, die in Zeiten von UN-Behindertenrechtskonvention und zahlreichen Inklusionsdebatten längst überholt ist und dringend einer Korrektur bedarf! Stattdessen brauchen Kinder Bücher, in denen sie sich und ihre eigenen Lebenswelten wiederfinden können und die unterschiedliche Aspekte von Identität wertschätzend sichtbar machen.

Das ist bei der Beantwortung der 85.Frage gründlich misslungen.


Worte können (im Herzen) weh tun und hinterlassen im schlimmsten Falle Narben, die nicht einfach durch ein Pflaster wieder überklebt werden können. Nicht ohne Grund haben wir gesetzliche Regelungen, die u.a. eine Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigung verbieten. Durch einen präziseren Sprachgebrauch und die Berücksichtigung respektvoller Beschreibungen für Heterogenität und Vielfalt, besonders in Kinderbüchern, könnten wir dafür sorgen, dass sich weniger Kinder fragen müssen, wieso sie nicht dazu gehören oder was mit ihnen nicht stimmt. 


Und um es mit den Worten eines sehr klugen neunjährigen Mädchens zu sagen:

"Vielleicht müssen wir denen mal einen Brief schreiben und ihnen sagen, dass es gemein ist, was sie schreiben. Ich bin nicht krank und bin genauso, wie andere Kinder auch!"
Stimmt. Da hast du recht. Das machen wir!


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