Sonntag, 21. Juni 2015

Stifte, Flipchart & Zeit-Gnome

Wenn Langweile Spaß macht


Es ist Freitag nachmittag. Drei Kinder (6, 7 und 8 Jahre alt) sind gelangweilt.
Perfekt, finde ich..
Perfekt, um zu spinnen, zu erfinden und die Welt zu entdecken.
„Wir wissen nicht, was wir machen sollen“, sagen sie.
„Uns ist langweilig“, meckern sie mich an.
- Wie gesagt: perfekter Start! Ich bleibe dabei!

Was also haben wir im Gepäck? 
Wir haben ein Flipchart mit viel Papier. Wir haben mehrere dicke und dünne Stifte. Und wir haben Zeit. Da das nicht oft vorkommt, dass wir wirklich echte Zeit haben, ohne verabredet zu sein, ohne Schulaufgaben, ohne Termine und Hobbies sind wir einen Moment ratlos… Dann schnappt sich unerwartet ein Kind die herum liegenden Stifte und malt Figuren und Symbole auf das Papier. Bereits nach 2 Minuten wird auch das langweilig. „Ich habe blöd gemalt“, meint sie. „Kunst ist doch doof.“ „Finde ich gar nicht“, antworte ich und verstehe nicht, wieso mein großes Kind plötzlich so wenig Spaß am Zeichnen und Malen hat. Ich beschließe: Das will ich genau wissen! 

„Schau’ mal“, sage ich und schnappe mir aus meinem Geheimversteck meine besonderen Stifte und fange an, gemeinsam mit dem Kind und ihren ersten Zeichnungen eine Grafic Novel zu entwickeln. Die anderen beiden Kinder gucken skeptisch. „Was macht ihr da?“ fragen sie, bleiben aber im Türrahmen stehen und wissen nicht, was sie davon halten sollen.
Innerlich grinse ich - skeptische Kinder mag ich irgendwie.

Ich male kleine Sprech- und Denkblasen um ihre Zeichnungen und schreibe. 

Start der Geschichte ist ein gelangweiltes Mädchen, welches nach der Schule niemanden findet, der gemeinsam mit ihr spielen mag. Es gibt die wilden Brüder, die lieber toben und den Stinkefinger proben. Es gibt die Mutter, die amüsiert ihren Kaffee trinkt und zwinkernd zuschaut. Das Mädchen entscheidet sich, die Spielideen, die sie hat, aufzuschreiben, um anschließend zu überlegen, welche die attraktivste für sie sein könnte. Als sie merkt, wie viel Zeit das Schreiben und Überlegen gekostet hat, fallen ihr die orangefarbenen Zeit-Gnome ein, die sich immer über freie und herumliegende Zeit hermachen…

Das erste Papier ist fertig gemalt und die Geschichte scheint die Kinder anzuregen. Ich werde zur Seite gedrängt. „Mach mal Platz. Wir wollen auch malen“, sagen sie, greifen zu den Stiften und überlegen zu dritt. Wie könnten die Zeit-Gnome aussehen? „Es ist doch ok, wenn sie bei uns unterschiedlich aussehen. Wir sind doch auch alle unterschiedlich“, entscheiden sie. 
Ohjee und Hurra! Plötzlich platze ich vor Stolz und lache laut auf. Da erklären mir diese drei Kinder, dass alle (Menschen) unterschiedlich sind und dass deswegen die Zeit-Gnome auch nicht einheitlich aussehen können und müssen.

Nach einer halben Stunden und absoluter Konzentration im Raum, die wie ein Kribbeln auf der Haut zu spüren ist, sind die ersten kleinen Zeit-Gnome zu sehen. Nun können sie sich nicht mehr verstecken und heimlich unsere Zeit fressen. „Wir müssen auch hier oben weiter malen“, unterbricht ein Kind den Arbeitsprozess. Stimmt, finden die anderen. Stühle werden geschoben, Hocker geholt und das Flipchart-Papier wird in seiner Gänze benutzt. Die Gnome und auch die Geschichte nimmt mehr und mehr Gestalt - wohl merklich OHNE mein weiteres Zutun. Ich wurde ja bereits der Malfläche verwiesen. Ich bin ein klein wenig eingeschnappt: Ich kann doch auch so gut zeichnen, denke ich. Wieso darf ich jetzt nicht mitmachen? - Gleichzeitig weiß ich, dass meine adultistische Erwachsenenperspektive hier jetzt nicht gefragt ist. Kindliche Kreativität und ihr Eigensinn entwickelt die Geschichte von allein weiter. Vollkommen zu Recht ohne mich. Und das ist auch gut so. 

Nach gut einer Stunde fliegen die Stifte schwungvoll auf meinen Schreibtisch zurück. Die Kinder haben Hunger. Zu Kräfte zehrend waren die Minuten höchster Konzentration und Anspannung. Mit Keksen und Kakao bestaunen wir unser Werk, und ja - die Kinder erlauben, dass ich wieder Teil ihrer Arbeitsgruppe bin. Wichtig ist ihnen nun, gegenseitig auf ihr Gezeichnetes zu schauen und sich Anerkennung und Wertschätzung auszusprechen. Regelrecht stolz sind sie aufeinander. Und auch ich werde mit lobenden Worten bedacht: „Du hast aber auch gut gemalt.“
Die Langeweile ist wie weggezaubert. Statt leeren Gesichtern habe ich nun drei rot-glühende Kinder vor mir, die statt zu zeichnen nun bauen wollen. Und spielen. Und entwickeln. Die Brüder tuscheln miteinander und ich höre nur noch ein Flüstern: „…und dann machen wir die Tür zu..“. Zack, weg sind sie - mit Kakaoschnuten und Kekskrümeln unter den Socken.


Nur das große Kind bleibt neben mir sitzen. 
Und weil mich immer noch wurmt, dass dieses Kind eingangs behauptete: „Ich habe blöd gemalt. Kunst ist doch doof!“, beschließe ich nun nachzuforschen. „Wieso hast du vorhin gesagt, dass Kunst doof ist?“, frage ich. Ich bin verwundert und irritiert. Ihre roten Wangen und ihr Wunsch, weiter zu zeichnen mit mir, geben mir Hinweise darauf, dass sie Spaß hatte an dem künstlerischen Moment.
„In der Schule müssen wir immer nur kleben und das malen, was die Lehrerin sagt. Alle das Gleiche“, klärt sie mich auf. „Hier konnten wir malen, was wir wollten. Und wir brauchten nicht kleben!“

An dieser Stelle nun will ich unser länger dauerndes Gespräch nicht weiter ausschmücken. Meinen Forschungsauftrag sehe ich als erfüllt an: ich bin der Kunst-Unlust meiner Tochter auf die Spur gekommen!

Erneut frustriert mich, wie sehr eintönige und auf Homogenität ausgerichtete Methoden, insbesondere in der Schule, Lernprozesse behindern, ja regelrecht stoppen können. Meine Frustration bläht sich für einen Moment zu Wut auf: - Mir, einem Menschen, die das Zeichnen, das Kreativ-Sein, das Spinnen und Regenbogen-Suchen sooo sehr liebt, bleibt vollkommen unverständlich, wieso Kindern immer noch solche Unterrichtsstunden nicht erspart bleiben. Stattdessen sabotiert diese Lehrform die Lust auf’s Lernen, Lust auf’s Kritzeln, Lust auf’s Ausprobieren und auch Lust auf’s (wilde hemmungslose) Kleben und Basteln. Ich habe Dank der Zeit-Gnome stattdessen Kinder gesehen, die hoch motiviert und konzentriert gemeinsam an einer Idee gearbeitet und diese eigenständig weiterentwickelt haben. Die keinen Frust auf Kunst hatten. Dafür hat es einfach nur Stifte und ein Flipchart gebraucht. Und die kleinen orangefarbenen Zeit-Gnome, die zwar Zeit fressen - uns aber dafür mit Spaß an phantastischen Spinnereien entlohnt haben. Ich finde, dass es viel mehr Zeit-Gnome braucht. Besonders in verstaubten Schulräumen und Klassenzimmern. „Aber nur, wenn sie orange sind, Mama!“, antwortet darauf mein Kind. 



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