Mittwoch, 9. Dezember 2015

Flüchtlingskinder in Kitas willkommen heißen

Flüchtlingskinder in Kitas - Herausforderung in der Praxis


„Das Ankommen eines Flüchtlingskindes in Deutschland gleicht aktuell einer Lotterie“, so der Leiter der Abteilung Kinderrechte und Bildung, UNICEF Deutschland, Dr. Sedlmayr. Mich berührte diese Aussage auf einer Fachtagung sehr: trifft sie doch präzise auf meine Beobachtungen und Erfahrungen der letzten Wochen und Monate zu. Abhängig vom Bundesland, der jeweiligen Kommune oder Stadt kann ein Ankommen und Willkommen sehr unterschiedlich aussehen und dauern. Immer wieder tendiere ich zwischen Fassungslosigkeit, Frustration und einem Willen zur Veränderung und ja - ich will eine VERBESSERUNG der Situation für vertriebene und geflohene Menschen. Sofort.


Nun will ich an dieser Stelle nicht die medial bereits höchst aufgeladenen Diskussionen wider geben. Ich möchte stattdessen meinen Fokus auf einen bestimmten Aspekt gesellschaftlichen Zusammenlebens legen - die Arbeit in frühkindlichen Bildungsinstitutionen wie Kitas, Kindergärten oder der Kindertagespflege als Perspektive und Chance für gesellschaftliche Veränderungen, wie sie aktuell allerorts sichtbar sind. An mich werden in meinen Fortbildungen und Trainings in diesem Zusammenhang viele Fragen heran getragen:

  • „Wie kann die Kita Flüchtlinge willkommen heißen und einbinden?“
  • „Wie kann die Kita Flüchtlingskinder bestmöglich unterstützen?“
  • „Was können die pädagogischen Fachkräfte tun, damit Flüchtlingskinder Kita, Schule und Co. annehmen können und sich schnell darin zurecht finden?“



Wie können Flüchtlinge in der Kita bestmöglich unterstützt werden?

Natürlich, und da sind sich hierzulande ausnahmsweise einmal alle einig, werden zunehmend mehr und mehr zugewanderte Menschen mit Fluchterfahrungen in den einzelnen Sozialräumen und Kommunen sichtbar und präsent. Laut ersten statistischen Erhebungen sind ca. 55% der vertriebenen und nun zugewanderten Menschen unter 25 Jahren. Diese Kinder und Jugendlichen waren teilweise mehrere Jahre auf der Flucht innerhalb Europas und bringen teilweise sehr beeindruckende Einzelschicksale mit sich. Gerade für Kinder aus schutzsuchenden Familien ist der Besuch von Bildungsinstitutionen besonders wertvoll. Und gleichzeitig stellt das Wissen um diese sogenannten Einzelschicksale die pädagogischen Fachkräfte vor besondere Herausforderungen. So fragen sich aktuell viele Erzieher*innen und Lehrkräfte, Ehrenamtliche und Eltern, wie sie die ankommenden Kinder und Familien in Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen bestmöglich unterstützen können. Und immer wieder werde ich gefragt: Wie kann die Kita Flüchtlinge einbinden? Dabei gehen Mitgefühl und Empathie oft Hand in Hand mit Hilflosigkeit und Sorgen: Was unterstützt geflüchtete Eltern und ihre Kinder? Wie der Verschiedenheit und dem Schutzbedürfnis von Kindern und Familien gerecht werden, ohne dabei zu stigmatisierend, zu paternalistisch oder übergriffig zu werden?

Die Kinder und Familien brauchen vor allem Verständnis, das Gefühl angenommen und willkommen zu sein, ein wertschätzendes Gegenüber, Sicherheit, Stabilität und Struktur. Zugehörigkeit und Sicherheit können beispielsweise erreicht werden durch:

  • Alle Kinder der Einrichtung sind mit Fotos, Selbstzeugnissen und Selbstgebautem repräsentiert.
  • In Bilderbüchern, Aushängen und Informationsmaterialien finden sich Hinweise auf die (Familien-)Sprachen aller Kinder. An mehrsprachigen Aushängen ist zu erkennen, dass die Kita daran interessiert ist, alle Eltern zu informieren, anzusprechen und einzuladen.
  • In der Kita finden sich Fotos von wichtigen Bezugspersonen der Kinder.
  • In der Verkleidungs- und in der Puppenecke finden sich Gegenstände und Bekleidungsstücke, die aus unterschiedlichen Berufswelten und Familienkulturen stammen.
  • In Büchern, Bildern, Spielmaterialien und in der Musik sind wiederholt und mehrfach Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarben sowie Kinder und Erwachsene mit Behinderungen sichtbar und handlungstragende Protagonist*innen.


Wie kann die Kita Flüchtlinge, also die Eltern, willkommen heißen und einbinden?

Dabei sollte doch grundsätzlich weiterhin auch hier gelten: Die Pädagog*innen tragen gemeinsam mit den Eltern eine Verantwortung für die Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder. Wichtig dabei sind ein abgestimmtes Miteinander und gegenseitige Wertschätzung zwischen den wichtigsten Bezugspersonen des Kindes. Und dennoch erlebe ich manche Erzieher*innen aktuell suchend - suchend nach geeigneten Mitteln und Wegen der partnerschaftlichen Kooperation mit Eltern, die Fluchterfahrungen gemacht haben und sich parallel um eine Orientierung im Sozialraum bemühen, während sie gleichzeitig ihre Kinder betreuen und erziehen. Wie kann ein Willkommen und eine Einbinden in die Kita praktisch aussehen? - Erziehungspartnerschaft bedeutet in erste Linie dafür zu sorgen, dass sich die Kinder und Familie zugehörig und beteiligt fühlen. Es müssen kontinuierlich Räume geschaffen werden, in denen die Kinder und Familien hin und wieder lachen und Alltägliches erleben können und sich gleichzeitig beteiligen können - allen anfänglichen Sprachbarrieren zum Trotz. Menschen, die sich permanent als bittstellend und hilflos erleben, fühlen sich wohl kaum als anerkannte Mitglieder der Gesellschaft. Und schon merke ich, wie nächste Fragen vor mir auftauchen: Wie können asyl- und schutzsuchende Familien und Flüchtlinge Kita und Schule unterstützen um sich nicht nur als Bittsteller*innen zu definieren?


Wie können asyl- und schutzsuchende Familien und Flüchtlinge Kindergärten und Schule unterstützen um sich nicht nur als Bittsteller*innen zu definieren?

Die Kinder aus zugewanderten oder vertriebenen Familien haben oft unglaubliche Anpassungsfähigkeiten und Kompetenzen. Diese weiterhin als Ressource wahrzunehmen und in den üblichen Kita-Alltag einzubinden, erfordert einerseits sich der Strukturen und Chancen in der Kita bewusst zu sein, beispielsweise bieten mehrsprachige Vorleserunden vielen Familien die Möglichkeit mit ihrer Sprache in der Kita sichtbar zu sein und zur Bildung aller Kinder etwas beizutragen. Gleichzeitig braucht es die permanente Selbstreflexion der Pädagog*innen, inwiefern eigene Stereotype oder Vorurteile die Zusammenarbeit mit den Familien und Kindern behindern können.

…Im Aufschreiben dieser Zeilen merke ich, wie ich von einer Frage zur nächsten komme. Ich bleibe Ihnen die Antworten schuldig, könnte Einige von Ihnen anmerken. Und dann sehe ich plötzlich, dass es nicht zwingend immer sofort eine Antwort auf jede Frage braucht. Allein das Fragen und die Auseinandersetzung mit den ganz praktischen Aspekten des (Kita-)Zusammenlebens macht deutlich und sichtbar, dass die Pädagog*innen in den Bildungseinrichtungen an vielen Stellen ebenso Neuland betreten, wie die neuen Eltern und Kindern. Wenn wir zugeben, dass wir nicht alles wissen und uns gegenseitig helfen müssen, dann können diese Fragen und das gemeinsame Finden von Antworten Chance und Perspektive auf eine gelingende Erziehungspartnerschaft und ein Zusammenleben sein.



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Autorin:
Anne Kuhnert ist Bildungsreferentin und Fortbildnerin mit den Schwerpunkten: Familien in besonderen Lebenslagen (u.a. Flucht und Asyl), Inklusion und Armut. Sie berät außerdem Träger von Bildungseinrichtungen und begleitet Teams in ihrer pädagogischen Praxisentwicklung und unterstützt bei internen Evaluationsprozessen.

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