Montag, 21. Dezember 2015

Kinderbuch-Tipp: LASS SAMIRAS HAND NICHT LOS

eine Rezenion von 
Sebastian Schneider
LASS SAMIRAS HAND NICHT LOS  

Thema "Flucht und Asyl" in Kinderbüchern dargestellt


Worum geht's?

"Lass Samiras Hand nicht los" (Dürr, Morten (2011), Picus Verlag Wien) beginnt mit Nadims Angst in die Schule zu gehen. Deshalb hat er sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Nadim fürchtet sich vor den großen Jungen, den betrunkenen Männern, den Autos und den großen Hunden. Er vermisst seine Schwester Samira, die im Krieg gestorben ist, genauso wie der gemeinsame Vater. Interessant bereits an dieser Stelle ist, dass er seinen Vater nie vermisst und einen Namen hat dieser auch nicht! Gemeinsam mit der Mutter ist er eingewandert - „aus einem anderen Land in die neue Stadt gekommen“. Bisher hat ihn die Mutter auf dem Schulweg begleitet, aber ab Montag muss sie arbeiten. Deshalb ruft sie Nadims Onkel hinzu. Mit ihm vereinbart er schließlich, als großer Bruder auf dem Schulweg auf seine kleine Schwester aufzupassen. Und so, als großer Bruder, schafft Nadim dann im zweiten Kapitel den Schulweg auch ohne seine Mutter. Indem er die Verantwortung für seine imaginierte kleine Schwester trägt, schafft er es, seine Ängste zu bewältigen, und das die ganze Woche. 


Im dritten Kapitel tritt Fatima hinzu, mit der Nadim auf dieselbe Schule geht. Die beiden treffen sich Freitag morgens auf der Straße und sie spricht ihn an. Doch er ist so schüchtern, dass er nicht seinen Namen sagen kann. Mittags steht sie weinend vor der Schule, weil andere Mädchen sie geärgert und ihre Bluse zerrissen haben. Da fragt Nadim, was passiert sei. Aber er kann ihr nicht helfen, denn er muss ja auf Samira aufpassen. Samira wird ärgerlich und fordert ihn auf Fatima zu helfen. So nimmt er beide an die Hand, eine rechts und eine links, und geleitet sie sicher nach Hause. Am Wochenende besucht Nadim Fatima und die beiden werden Freund*innen. Und Montags geht er nur noch mit Fatima zur Schule, denn Samira ist verschwunden. 


Bemerkenswert

Morten Dürr schafft eine anschauliche Darstellung eines kindlichen Trauerprozesses, der zugleich das Ankommen in einer neuen Lebenswelt ermöglicht. Nadims imaginäre Schwester wird von den Erwachsenen um ihn herum nicht als naive Spinnerei abgetan, sondern sogar von ihnen vorgeschlagen und hilft ihm den Verlust der realen Schwester zu bewältigen. Auch weint er nicht, sondern gibt seiner Mutter die Schuld an der Situation. Das ist erstens eine verbreitete Reaktion auf schmerzhafte Verluste und wird zweitens der realen Vielfalt und Schwierigkeit von Trauer besser gerecht, als Darstellungen von vermeintlich „natürlichen“ oder „richtigen“ Reaktionen. Auch das Bedürfnis nach Halt und Schutz in der neuen Umgebung durch die Mutter und ihre Hand ist nachvollziehbar. Denn Nadim hat ja nicht nur eine Schwester verloren, sondern auch seine gesamte vertraute Umgebung. Die Mutter ist also die einzige vertraute Konstante, die aus der alten Welt in die neue ragt. Dieses Bedürfnis nach Halt, Schutz und Rückzug ist auch auf drei Bildern im ersten Kapitel anschaulich dargestellt. Nadim hat dort die Beine an den Körper gezogen und die Arme um die Beine geschlungen. Als würde er versuchen sich selbst zu halten und sich hinter seinen Beinen zu verstecken. Auch die Zeichnungen machen Nadims Bedürfnis nach Schutz und Rückzug sehr anschaulich.


Vorsicht Falle!

Leider sind die Geschlechterrollen zumindest phasenweise noch recht klar und traditionell verteilt. Zwar geht Nadims Mutter ab Montag arbeiten. Aber in der Erziehung vertritt sie die weiche, einfühlsame Seite und muss sich männliche Hilfe holen um mit Nadim zurecht zu kommen. Der Onkel vertritt zunächst eine ganz klassisch männliche Vaterrolle. „Er klingt zornig“, im Gegensatz zur Mutter und „Nadim muss die Tür nun aufschließen“. Zwar sieht er nach dem Öffnen der Tür auch gleich nicht mehr zornig aus und findet gemeinsam mit Nadim auf einfühlsame Art und Weise eine wunderbare Lösung – aber trotzdem benötigt die Mutter seine männliche Strenge um Nadims Verweigerungshaltung zu durchbrechen. Das ist schade, schließlich hätte Morten Dürr ja eben so gut eine Tante kommen lassen können, die kurz streng und zornig auftritt. 
Dazu passt, dass Nadim als Junge zwei Mädchen beschützt. Ebenso gut hätte ja ein Mädchen seinen imaginierten kleinen Bruder und den Jungen aus der Parallelklasse beschützen können. Auch tragen die Mutter, Samira und Fatima alle ganz klassisch lange Haare, hingegen Nadim und der Onkel kurze.  Doch immerhin darf Fatima Hosen tragen. Der Onkel ist groß und dick und damit mutmaßlich stark, die Mutter hingegen sehr zierlich dargestellt und damit mutmaßlich schwächer. 
Auch ist auffällig, dass mit Nadim und Fatima zwei Kids mit arabischen Namen Freundschaft schließen. Und zumindest im Fall von Nadim ermöglicht dieses Ankommen beieinander auch das Ankommen in der neuen Schule. Anzunehmen ist dieser Zusammenhang auch für Fatima, denn sie geht ja von sich aus auf Nadim zu, scheint also auf der Suche nach Freundschaften zu sein, mit Nadim noch dazu außerhalb ihrer Klasse. Fatima wird auch von anderen Mädchen geärgert und offenbar nicht wenig, denn ihre Bluse zerreißt. Aber dennoch wird sie einfach nur geärgert, scheinbar genau so wie jedes andere Kind auch geärgert werden könnte. Und in Nadims Klasse sind Lehrer und Mitschüler sehr nett. Er hat nur nicht innerhalb von einer Woche schon Freunde gefunden. Die beiden sind also mit ganz normalen Problemen des Aufwachsens konfrontiert und nicht mit besonderen Problemen. Rassismus gibt es in der Welt von Nadim und Fatima nicht. Das wäre schön, dürfte aber die Realität von Kids mit arabischen Namen, zumal solchen mit Fluchterfahrungen, in Dänemark und der BRD kaum treffen. Letztlich wurde hier durch die De-Thematisierung von Rassismus die Chance vergeben eine kindgerechte Thematisierung zu schaffen. 

Womöglich war genau das Morten Dürrs Ziel, als er Fatima einem so heftigen Ärgern aussetzte. Immerhin zerreißt dabei ihre Bluse und sie sucht sich bei einem neuen Mitschüler außerhalb ihrer Klasse Hilfe. Das lässt auch darauf schließen, dass sie in ihrer eigenen Klasse relativ isoliert ist. Wenn die Kinder in Fatimas Klasse finden würden, *dass sie doof ist*, weil sie wie Nadim„...aus einem anderen Land gekommen“ ist, dann würde das Thema Rassismus nicht weiter wie ein rosa Elefant in diesem Buch herum stehen. Und aus der Freundschaft von Nadim und Fatima würde auch ein Moment von Empowerment.

Großartig

Der emanzipatorische Höhepunkt aus adultismuskritischer Perspektive findet sich in dem Gespräch mit dem Onkel. Dieser fordert ihn auf: „Reiß dich zusammen, Nadim. Du bist bald ein Mann!“. Doch Nadim nimmt sich die Zeit zu überlegen und weist diese Zuschreibung dann zurück “... du irrst dich. Ich bin nur ein kleiner Junge“. Er nimmt sich also das Recht selbst zu definieren wer er ist, das Recht darauf sich selbst zu benennen. Sein Onkel versucht ihm hier zunächst etwas aufzudrängen, wogegen sich Nadim erfolgreich wehrt. Hier ermächtigt sich also ein Kind gegenüber einem Erwachsenen. Und zwar, indem es sich Raum für kindliche Bedürfnisse erkämpft. Erst danach kommt der Onkel auf die Idee ihn als großen Bruder zu adressieren und ihm vorzuschlagen, auf seine Schwester aufzupassen. Die beiden handeln also einen Kompromiss aus. Nadim hat mit einem Erwachsenen zu tun, der ihn mit seinen Bedürfnissen partizipieren lässt. Auch die bildliche Darstellung an dieser Stelle unterstreicht das Bemühen des Onkels um Augenhöhe. Zwar ist er wesentlich größer als Nadim und physische Augenhöhe unmöglich. Aber beide sind in der gleichen Haltung dargestellt, sitzen nebeneinander auf dem Bett und haben ihre Hände auf die Knie gelegt. Dadurch wirken sie beide sehr brav und der Blick des Onkels drückt mindestens eben so viel Unsicherheit aus, wie der von Nadim. So gesehen ist der Onkel auch ein gutes Vorbild für Eltern. Als er bemerkt, dass er Nadim nicht gerecht geworden ist, lässt sich davon völlig zu Recht verunsichern und versucht nun auf ihn einzugehen. 
Zugleich vertritt der Onkel an dieser Stelle die Gesellschaft gegenüber dem Kind. Er beharrt darauf, dass Nadim sich zusammenreißen müsse um den Weg zur Schule ohne die Hand der Mutter zu schaffen. Von dem Forderung nach altersgemäßer Entwicklung lässt er nicht ab und setzt sich damit auch durch. Dabei klingt „Zusammenreißen“ tendenziell gewalttätig. Es wird gerne von Erwachsenen verwendet, um Kinder mit Druck dazu zu bringen, ihre Bedürfnisse zu übergehen. Von daher passt die Formulierung nicht so ganz zu der einfühlsamen Lösung, die der Onkel finden durfte. 

Sehr stark ist auf jeden Fall der Verzicht auf typisierende Darstellungen. Die Kids haben zwar arabische Namen, werden dafür aber nicht mit „typischen“ Kleidungsstücken, Problemen oder Gewohnheiten bestraft. Dies gilt auch für Onkel und Mutter, die beide ihr eigenes Leben haben dürfen. Morten Dürr hat erfreulicher Weise darauf verzichtet, die beiden erwachsenen Hauptpersonen beispielsweise in einer autoritären patriarchalen Familie zu verbinden. Deshalb ist das Buch ein erfrischender Kontrapunkt zu den derzeit virulenten rassistischen Diskursen, die sich um 'Parallelgesellschaften' und 'Islamisierung' drehen und kann gut dazu beitragen, bei Kindern wie Erwachsenen Empathie für Menschen mit Fluchterfahrungen zu erzeugen.


Fazit

Gut geeignet scheint das Buch für Grundschulkinder zum selbst lesen, aber auch schon für Kinder ab fünf oder sechs Jahren zum Vorlesen. Die Stärke des Buches liegt sicherlich darin, einen Einblick in die inneren Nöte eines schutzbedürftigen Kindes mit traumatischen Verlusterfahrungen vermitteln zu können. Damit kann es sicher auch Kindern helfen, die nicht in einer solchen Situation sind, aber gerade in der Kita oder Schule mit solchen Kinder zu tun haben. In jedem Fall ist es sinnvoll als Erwachsene*r bei Gelegenheit auf die gesellschaftliche Dimension kindgerecht hinzuweisen. Also zu benennen, dass es sein kann, dass Kinder deshalb geärgert werden, weil sie „...aus einem anderen Land kommen“ und es auch genau deshalb besonders schwer haben Freunde zu finden. 

Die einfühlsame und anschauliche Darstellung von Nadims Trauerprozess macht es sicher auch gut geeignet für alle Kinder, die mit schweren Verlusten umgehen oder sich in einer neuen Umgebung einfinden müssen. Die gesellschaftliche Komponente steht ohnehin eher im Hintergrund. 






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